Trend Barfusslaufen: Konjunkturprogramm für den Physiotherapeuten?

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Das Bild war schon sonderbar: Bei meinem gestrigen Trainingslauf am Rhein sah ich, ein besonderes Läufer-Exemplar. Es war nicht so, dass der Mann durch ausgefallene Kleidung auffiel. Eher im Gegenteil. Im fehlte ein wesentliches Utensil: die Laufschuhe.

So lief der gute Mann, im besten Laufalter Mitte Dreißig und mit – ohne ihm zu nahe treten zu wollen – leichtem Übergewicht, barfüßig, entspannt und lächelnd über den Asphalt. Wenn ich mir vorstelle, dass ich derart und kilometerweit (die typische Bonner Rheinrunde ist fast vollständig asphaltiert), laufen müsste, ziehen sich meine Achillessehnen schon jetzt zusammen. Und dann noch die diversen “Wegelagerer” in Form von Scherben, Essensresten, Rollsplitt etc. “Nun ja. Jedem das Seine”, dachte ich.
Und wie es der Zufall so will, stieß ich vor wenigen Minuten, auf einen lesenswerten Artikel zum Thema “Barfußlaufen“. Seit den jüngsten Untersuchungen vom Evolutionsbiologen und Harvard-Wissenschaftler Daniel Lieberman und seinen Kollegen, sowie mit dem Erscheinen des Bestsellers “Born to Run”, haben sich im englischsprachigen Raum zahlreiche Diskussionen um die Vorteile des Barfußlaufens eingestellt. Infolge des neuen Bewegungstrends hat such die Zahl der Fußverletzungen deutlich erhöht!
Der Grund für die Euphorie für das “neue und natürliche Laufen” (hierzulande ist ein ähnlicher Trend bei der erfolgreichen Verbreitung des Nike Free Konzepts zu spüren), liegt in Studien gemessenen und geringer ausfallenden Bodenreaktionskräften beim Barfußlauf im Vergleich zum Laufen mit Sportschuhen.
Damit einhergehend dominiert bei ersterem das Aufsetzen mit dem (Mittel- bis) Vorfuß, währenddessen beim “beschuhten” Lauf, tendenziell ein Abrollen über die Ferse erfolgt (auch abhängig von der Laufgeschwindigkeit). Dadurch entstehen automatisch zwei Kraftspitzen.
Beim Aufsetzen “fällt” das Körpergewicht vertikal zu Boden und muss abgebremst werden. Dieses Fallen entfällt beim Vorfußlauf. Die Zehen setzen auf, gefolgt von einer fließenden Rotationsbewegung nach hinten weg (vgl. Video unten). Erinnerungen werden wach an die nationale Hysterie um den Vorfußlauf nach dem Vorbild kenianischer Eliteläufer.
Ist Barfußlaufen also gesund und der natürlichste und effizienteste Weg der Fortbewegung? Ich würde sagen: Jein. Barfußlaufen ist natürlich, ohne Frage. Vor Jahrtausenden gingen und liefen wir ohne Schuhe. Nur hat sich unser Nerv-Muskelsystem mit der Zeit nun einmal an Schuhe gewöhnt (wenn auch hier gesundheitliche Gefahren lauern und Weiterentwicklungen notwendig sind). Die Abkehr vom „Dämpfungparadigma“ ist ein Beleg dafür und nicht ausschließlich Marketing.
Einleuchtend ist sicherlich auch, dass eine sprunghafte Umstellung aufs Barfußlaufen, Verletzungen provoziert. Die Rückanpassung benötigt Zeit. Eine gewisse mechanische Eignung (Körpergewicht, bereits vorliegende Gelenkschäden u.ä.) muss für ein verletzungsfreies Barfußlaufen auch vorausgesetzt werden. Bei der Beurteilung zu berücksichtigen: Selbst wenn hierbei das Verletzungsrisiko dem des Laufens in Sportschuhen gleichkommt, würde die Anzahl der Verletzungen alleine deshalb steigen, weil absolut mehr Läufer den Stil umstellen.
In den USA zeichnet sich die Tendenz ab, dass sich v.a. Verletzungen an der Plantarfaszie überproportional anhäufen. Zur genauen Einschätzung des tatsächlichen Verletzungsrisikos bedarf es jedoch umfangreicher Studien.

Wie auch immer: Die Idee des Barfußlaufens ist faszinierend und macht in der Praxis Spaß. Besonders auf mittelharten Untergründen (Rasen) in Form von Lauf-ABC und Steigerungsläufen bei langsam ansteigenden Belastungsumfängen. Der Fußmuskulatur tut’s gut. Das wussten schon die Laufsportler der 50er-Jahre zu schätzen. Zur schnellste Form der Fortbewegung zu Fuß wird sich das Barfußlaufen wohl aber nicht mehr “zurück entwickeln”…

1 Kommentar

  • Hallo und damit begrüße ich Deinen Blog mit meinem Einstiegskommentar. Das war endlich mal wieder ein interessanter Beitrag zu dem Thema Barfußlaufen.
    Viele springen auf einen neuen Sporttrend auf, ohne sich Gedanken über ihre gesundheitliche Verfassung zu machen und meinen damit ihrem Körper etwas gutes zu tun. Barfußlauf ist durchaus eine gute Sache aber ist für die meisten Sportler sicher nur in kleinen Trainingsumfängen in Erwägung zu ziehen. Ich sollte es so schnell nicht machen, eigentlich dürfte ich garnicht mal Laufen, wenn es um die Gesundheit der Knie geht aber noch bin ich absolut schmerzfrei. 🙂

    Gruß
    MischoK

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