GPS-Sportuhren in Training und Wettkampf: Fluch oder Segen?

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Der Markt für Laufaccessoires boomt ungebremst. Es ist kein Geheimnis, dass nicht alle erhältlichen Laufprodukte im Kern nützlich sind. Der Klassiker unter den Trainingsbegleitern ist die Pulsuhr. Mithilfe des Parameters “Herzfrequenz” lässt sich die Trainingsintensität weitestgehend einstellen und das eigene Erholungsverhalten abschätzen – die Kenntnis über methodische Einschränkungen und eigene Herzfrequenzdynamik vorausgesetzt.

Jüngst hat das Einbinden von GPS-Daten den Sportuhren und Herzfrequenzmessern eine neue Qualität verliehen – und dem Absatz einen neuen Schub gegeben. Weil in Vereinen, Laufgruppen und Internetforen derzeit rege diskutiert, möchte ich im heutigen Beitrag das Für und Wider von GPS-Sportuhren im Leistungstraining, in einem klassischen Pro- und Kontra-Szenario, darstellen und mein persönliches Fazit ziehen:
+++ PRO GPS-Sportuhren +++
  • durch die GPS-Technologie hat der wohl für Leistungsläufer wichtigste Trainingsparameter Einzug in den regelmäßigen Trainingsalltag erhalten: die Laufgeschwindigkeit (oder als “Pace” dargestellt, wenn der Bezug in Minuten pro Laufkilometer hergestellt wird). Was das Einhalten von Geschwindigkeitsvorgaben betrifft, gewinnt der Trainierende Unabhängigkeit von Trainingsbegleitern oder ausgemessenen, markierten Streckenabschnitten
  • Diese neue “Unabhängigkeit” ermöglicht das Verlassen von Routinestrecken und fördert damit die Variation. Auch in fremder Umgebung lässt sich das Training leicht und exakt steuern. Geht die Orientierung verloren, führt die Navigationsfunktion verlässlich zum Ausgangspunkt zurück
  • Gesamtstreckenlängen und Höhenprofile, die zuvor meist nur geschätzt werden konnten, sind leicht überprüfbar
  • Die aktuellen Geräte führender Hersteller zeichnen sich durch eine hohe Messgenauigkeit und Zuverlässigkeit aus. Damit sind langsame und zügige Geschwindigkeitsräume exakt ansteuerbar (Einschränkung siehe unten)
  • Nicht zu unterschätzen sind Gewicht und Ästhetik von GPS-Sportuhren. Waren die ersten Modelle noch recht klobig und ein gefühltes Pfund schwer, sind die neuen Modelle deutlich schlanker und sogar als modische Freizeituhr zu gebrauchen
  • Automatisierte und optische Auswertungen am PC ermöglichen v.a. das Abschätzen der Trainingsqualität, unterstützen die Trainingsdokumentation und können die Langzeitmotivation erhöhen
  • GPS-Sportuhren sind praktische “All-in-one”-Lösungen. Herzfrequenzmessung, Paceanzeige, Zeitnahme und Auswertung erfolgen über nur ein Gerät

+++ KONTRA GPS-Sportuhren +++
  • die einwandfreie Funktionsweise einer GPS-Sportuhr ist nach wie vor abhängig vom eigenen Standort. Misslingt die Anbindung an das Signal der umkreisenden Satelliten taugt sie nur noch als Herzfrequenzmesser
  • Die starre Orientierung am angezeigten “Wertekonzert” kann zur Vernachlässigung des eigenen Körpergefühls beitragen. Es gibt freilich Trainingstage, an denen es einfach nicht gut “läuft”. Viele Trainierende halten sich dann immer noch sklavisch an Zeitvorgaben. Das kann langfristig auf Kosten der eigenen Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Freude am Laufsport gehen
  • die Pace-Funktion kann zu zwei Trainingsfehlern verleiten: Erstens die Geschwindigkeit möglichst konstant halten zu wollen, insbesondere dann, wenn sich das Streckenprofil ändert. Beim Berganlaufen kann das zum Verfehlen des eigentlichen Trainingsziels beitragen (Ziel-Stoffwechsellage wird verlassen), beim konstanten Lauf in der flachen Ebene führt das zu Monotonie, die dauerhaft erlebt, die Leistungsentwicklung hemmt. Zweitens neigen einige Läufer dazu, die vorgegebene Geschwindigkeit unterbieten oder das Trainingsergebnis einer zuvor absolvierten Einheiten unter allen Umständen bestätigen zu wollen (z.B. auch dann wenn auf der Hausrunde an einem anderen Tag heftiger Gegenwind/Regen u.ä. “abbremsende” Elemente wirken)
  • Manche Uhr-Funktionen sind “Spielerei” oder nicht sinnvoll einzusetzen. Starre Trainingsprogramme, die bedingungslos absolviert werden oder automatisiert bzw. formelhaft festgelegte Herzfrequenz-Trainingszonen zähle ich dazu
  • die Akkulaufzeiten sind meistens immer noch recht schwach (die Geräte allerdings auch kleiner) – im einstelligen Stundenbereich. Da muss das Ladegerät auf Reisen in jedem Fall ins Handgepäck (was grundsätzlich auch für einen schmächtigen Läufer zu verkraften ist)
Mein Fazit:

Nach meinem Dafürhalten sind GPS-Sportuhren ein sehr nützliches Hilfsmittel zur Trainingssteuerung, denn die Hauptnachteile (Messgenauigkeit, Gewicht) sind mit der neuesten Gerätegeneration beseitigt. Verfügt der Nutzer zudem über trainingswissenschaftliches Grundlagenwissen und weiß er mit Funktionsvielfalt und Informationsflut angemessen umzugehen, dann wird sich der Einsatz einer GPS-Sportuhr lohnen.
Im meinem Training nutze ich eine solche Uhr folgendermaßen:
  • zur streckenunabhängigen Tempokontrolle über alle Dauerlaufformen. Mithilfe der “Autolap-Funktion” lässt sich die Pace des aktuellen bzw. letzten Laufkilometers anzeigen. So kann z.B. ein gesteigerter Dauerlauf gut kontrolliert werden. Auch das “Anlaufen” eines neuen Geschwindigkeitsbereichs, im Rahmen einer Belastungserhöhung, lässt sich vereinfacht umsetzen. Jede 3. Einheit und grundsätzlich bei alle regenerativen Läufen, gehe ich ohne Pace-Funktion auf die Strecke (Körpergefühl)
  • Beim Intervalltraining auf der Bahn, im 3 bis 10 km-Wettkampftempo, verzichte ich gänzlich auf die Geschwindigkeitsanzeige. Das trainingswirksame und optimale Geschwindigkeitsfenster ist hier recht eng. In diesem Kontext sind die Messfehler noch zu hoch. Zwei bis fünf Sekunden pro Kilometer machen bei diesen Intensitäten einen großen Unterschied. Im übrigen deaktiviere ich auch die Herzfrequenzfunktion
  • Bei Tempoläufen im Gelände (Tempodauerlauf, Fahrtspiel) nutze ich die Pacefunktion zur Orientierung und gleiche sie mit dem Belastungsempfinden ab. Beim klassischen Fahrtspiel ist es ratsam beizeiten vollständig auf die Messung zu verzichten. Schließlich geht es um das “Spiel mit der Geschwindigkeit”
  • Auswertungen lasse ich mir nur nach neuen Trainingsstrecken und Tempoläufen im Gelände anzeigen. Letzteres v.a. zum Einschätzen der Geschwindigkeitsentwicklung in den einzelnen Abschnitten
  • Bei Wettkämpfen bleibt die GPS-Sportuhr daheim. Hier messe ich die Kilometerzeiten mit einer alten Pulsuhr händisch. Die Herzfrequenz messe ich nicht. Die Uhr ist zudem leichter. Die paar Gramm weniger haben natürlich nur einen psychologischen Effekt

2 Kommentare

  • Danke für dein überaus gutes und sachliches Pro & Contra zum Thema GPS-Uhren. Es deckt sich auc ziemlich mit meiner eigenen Einstellung.

    GPS-Uhren verwende ich schon lange und im Gegensatz zu den ersten Exemplaren (Timex Speed & Distance) ist die Genauigkeit mehr als zufrieden stellend. Seit einigen Jahren trage ich nur mehr Garmin, aktuell den FR 405.

    Ich erlebe unter den Läufern und Bloggern zu oft, dass sie sich zu Sklaven der Technik machen (lassen). Für mich ist es ein nützliches Accessoire, auf das ich nicht mehr verzichten möchte. Ich nütze die diversen Möglichkeiten also mit Bedacht. Trage sie aber auch bei Wettbewerben, aber ohne Pulsfunktion, usw …. Das Gewicht spielt bei meinen Zeiten keine entscheidende Rolle 😉

  • Hallo Reinhard,
    freut mich, dass Dir der Beitrag gefällt. Ich benutze auch eine Garmin Sportuhr und zwar den neuen FR 610. Ist zwar nicht günstig, aber ein gut durchdachtes und taugliches Gerät. Habe den Eindruck, dass der Sportuhren-Platzhirsch "Polar", durch Einzug der GPS-Technologie, etwas ins Hintertreffen geraten ist…Viele Grüße, Patrick

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