Lauftechnik und Verletzungshäufigkeit: Eine Debatte geht in die nächste Runde

L

Das Thema “Lauftechnik” scheint mir in Läuferkreisen das “Perpetuum mobile” aller Diskurse zu sein. Auch ich habe mich auf diesen Seiten an der Debatte beteiligt und mich bei den Themen Lauftechnik und Schrittfrequenz, sowie an der Debatte zum Barfusslaufen interessiert gezeigt.

Eine neue und methodisch außergewöhnliche Studie an der Harvard University, genauer am Department of Human Evolutionary Biology, zeigt nun, dass Lauftechnik und Verletzungshäufigkeit tatsächlich in kausalem Zusammenhang zueinander stehen.

Die Kernaussage: Rückfussläufer (= Fersenläufer) verletzen sich gegenüber Vorfussläufern zweimal häufiger. Unter dem Begriff “Verletzung” fallen hier alle Malessen, die zu mindestens 2 Tagen Trainingsausfall führten. Doch bevor nun eine zweite bis gefühlt 16. Euphorie für das Vorfusslaufen ausbricht, möchte ich die Studie genauer beschreiben:
Das Besondere an der Studie von Adam I. Daoud, Mitarbeiter in der renommierten Arbeitsgruppe von Prof. Daniel Lieberman, ist die vergleichsweise gute Datenbasis. Über 4 Jahre lang hat er das Training und die Verletzungshistorie von 52 gut bis sehr gut trainierten Läufern des Harvard Universitätsteams (Männer wie Frauen) detailliert protokolliert und ausgewertet. Zur Kategorisierung des Laufstils wurden Videoaufnahmen bei unterschiedlichen Laufgeschwindigkeiten (auf dem Laufband) hinzugezogen.

Die Auswertung ergab, dass die Untersuchungsgruppe aus 36 Rückfuss- und 16 Vorfussläufern bestand. Geschlechtsspezifische Differenzen traten nicht auf. Wichtig: Niemand ist zu 100 Prozent Vor- oder Rückfussläufer. Der Aufsatz des Fusses wird maßgeblich durch die Laufgeschwindigkeit, das Terrain oder den Ermüdungszustand bestimmt, insofern der Fußaufsatz nicht bewusst kontrolliert wird. Es wurde also der dominant angewendete Laufstil festgestellt. Alle Läufer liefen, ohne Ausnahme, beschuht. Der Aspekt Barfusslaufen wurde bewusst ausgeklammert.

Unabhängig von Laufstil und Schuhwahl fiel im Ergebnis auf, dass mehr als 50% aller Untersuchungsteilnehmer mindestens 1 im Jahr derart verletzt waren, dass das Training mindestens in den beiden Folgetagen ausfallen musste.

Dieser Wert ist wird als hoch eingestuft. Mir liegen jedoch keine Vergleichswerte bei anderen Probandengruppen oder Sportarten vor. Bei der Entstehung dieses Wertes spielt wahrscheinlich das, im Vergleich zu Hobbyläufern, hohe Trainingsvolumen (sowie die Trainingsqualität) eine Rolle.

Und wie eingangs erwähnt: Im Hinblick auf “stressbedingte” Verletzungen verletzten sich Rückfussläufer gegenüber Vorfussläufern zweimal häufiger. Es traten keine Unterschiede bei der Anzahl schwerwiegender Verletzungen auf (Verletzungen die einen operativen Eingriff notwendig machten) – zumal die Fallanzahl hier ohnehin gering ausfiel.

Die ursächlichen Zusammenhänge sind mit diesem Ergebnis allerdings nicht geklärt. Die Forscher stellen lediglich die weitere These auf, dass die gemessenen, höheren Bodenreaktionskräfte beim Rückfusslaufen, eine signifikante Prädiktorvariable darstellen. Wohl wissend, dass unstreitbar weitere Faktoren ein Verletzungsereignis bestimmen.

Bleibt die Frage was wir als Läuferin oder Läufer aus dieser Studie mitnehmen: Ich rate davon ab, den Laufstil zu ändern, wenn der Sportler gesund ist und keine orthopädischen Beschwerden eindeutig auf den Laufstil zurückgeführt werden können.

Treten immer wieder muskuläre Verletzungen auf und helfen konservative Maßnahmen, wie die “berüchtigten” Einlagen, Schuhwechsel und spezifisches Krafttraining nicht, dann kann sich ein Wechsel des Laufstils als sinnvolle Alternative herausstellen.

Dieser muss allerdings methodisch gut eingeführt werden. Die neuromuskuläre Beanspruchung ist andersartig. Ein zu viel an Laufkilometern im neuen Schritt ruft wiederum andere Verletzungen hervor. Außerdem sollte ein jeder berücksichtigen, dass eine Laufstilumstellung mit einer verschlechterten  Laufökonomie verbunden sein wird. Hierbei ist Geduld gefragt.

Zudem bin ich überzeugt, dass für den beschuhten Vorfusslauf ein bestimmtes Leistungsvermögen (= Fortbewegungstempo) ausgeprägt sein sollte, insofern die Leistungsverbesserung ein Trainingsziel ist. Denn bspw. bei einer Trainingsgeschwindigkeit von 8 bis 9 km/h ist der Vorfußlauf meines erachtens derart unnatürlich und unökonmisch, dass der Wirkungsgrad der Bewegung, auch nach mehrfachem Einüben, nicht annähernd das Niveau des Rückfusslaufs erreichen wird.

Anders beim Barfusslaufen: Hier müssen wir anfangs, auch bei niedrigen Geschwindigkeiten, auf dem Vorfuss laufen, denn jeder Schritt, mit Landung auf der Ferse, verursacht schlicht Schmerzen.

Kommentieren

Die Themen auf Laufschritte