Training nach Arthur Lydiard: 4 Prinzipien des Altmeisters erfolgreich nutzen

T

In ambitionierten Läuferkreisen muss man die Person Arthur Lydiard nicht vorstellen. Die neuseeländische Trainerlegende führte ab Mitte des 20. Jahrhunderts zahlreiche Mittel- und Langstreckenläufer zu olympischen Ehren und Siegen. Das Geheimnis seines Erfolgs liegt in der für damalige Verhältnisse ungewöhnlichen und ausgeklügelten Trainingsmethodik.

Als markanter Bestandteil seines Ansatzes bleiben wohl die sehr langen und verhältnismäßig langsamen Dauerläufe in Erinnerung. Freilich führen die alleine nicht zum Erfolg. Lydiards Ansatz war komplex. Die zur Anwendung kommenden Trainingsprinzipien sind noch heute aktuell und wurden von anderen Erfolgstrainern weiterentwickelt. Viele Spitzensportler trainieren seinen Überlegungen folgend ohne dies ggf. vergegenwärtigt zu haben.

Deshalb möchte ich in diesem Artikel einige Merkmale des Lydiard-Ansatzes herausgreifen und deren Relevanz für ein modernes und gutes Training herausstellen. Selbstverständlich kann ich mich an dieser Stelle nur auf einen Ausschnitt seiner Trainingsphilosophie beschränken.

1. “Kilometer sammeln” und das Prinzip der Periodisierung
Lydiard baut das Training idealtypisch in langfristiger Perspektive auf. Der Gedanke war zu seiner Zeit neu. Basis und unverzichtbare Voraussetzung der Leistungsentwicklung ist ein mehrmonatiger Trainingsblock mit dem Schwerpunkt im aeroben Grundlagentraining (“aerobic conditioning”). Die Phasendauer wird vom zeitlichen Abstand zum Hauptwettkampf hergeleitet.

Ziel der Trainingsphase ist die Steigerung des Anpassungspotenzials durch die nachhaltige Ausprägung des Herz-Kreislaufsystems, struktureller Anpassungen in Muskel, Sehnen und Nervensystem, sowie die Entwicklung eines Bewegungsstereotyps (Laufökonomie), verbunden mit verbesserten mentalen Fähigkeiten.

Lydiard verordnet allen Athleten, ob 800 m- oder Marathonläufer, einen solchen Trainingsabschnitt. Im modernen Mittelstreckentraining, auch auf Weltklasse-Niveau, wird dieser Ansatz in vielen Trainingsgruppen (wieder) umgesetzt. Denn auch durch lange, langsame Trainingseinheiten lassen sich gezielt, die für den Mittelstreckler essentiellen, schnellen Muskelfasern trainieren.

Die weitere Überlegung dahinter: Zum einen erfolgt die Energiebereitstellung, z.B. beim 800 m-Lauf, mit einem Anteil von knapp 60% rein aerob, zum anderen fördert einen gutes Grundlagenniveau die Regenerationsfähigkeit im Qualitätstraining und steigert die Reaktion auf intensive Trainingsreize.

Wichtig: Basistraining bedeutet nicht, dass das Training allein aus Dauerläufen besteht, die immer langsam, im Gleichmaß und über verhältnismäßig lange Strecken absolviert werden. Im Gegenteil: Auch Fahrtspiele im Gelände und extensives Intervalltraining, im Bereich der anaeroben Schwelle, finden dosiert Anwendung. Lediglich der Schwerpunkt liegt im aeroben, extensiven Trainingsbereich. Darauf aufbauend folgen die nachstehenden Trainingsphasen mit anderen Schwerpunkten.


2. “Die Balance finden” und das Prinzip der Individualität
Schematische Abbildungen fungieren meist als Vereinfachung für komplexe Zusammenhänge. Das gilt auch für die Trainingspyramide von Lydiard: Die Versuchung ist gegeben, seine Empfehlungen pauschal mit Inhalten zu füllen und auf jeden Athleten anwenden zu wollen.

Deshalb weist Lydiard mit Nachdruck darauf hin, dass Trainingspläne lediglich immer einen Rahmen bilden, der individuelle Eigenschaften, wie bspw. Anpassungsreaktion, Regenerationsfähigkeit und tägliches Wohlbefinden, berücksichtigen müssen. Das gilt auch für die Gestaltung der Makrozyklen mit Be- und Entlastungsabschnitten.

Auch deshalb ordnete er vielen seiner Athleten ein Training ohne Geschwindigkeitsvorgaben an, um dem Übertrainingssyndrom, durch ein nach Wohlbefinden gesteuertem Training, entgegenzutreten und die “Mündigkeit” der Athleten auszubilden.

Nach meinem Dafürhalten ist das richtige Anwenden des Prinzips der Individualität die schwierigste Aufgabe für einen Trainer.

3. “Ein Schritt nach dem anderen” und das Prinzip der zunehmenden Spezialisierung
In Lydiards Trainingspyramide werden die konditionellen Komponenten grundsätzlich sequentiell und unter Berücksichtigung der Wettkampfanforderung entwickelt. Ursprünglich sieht Lydiard eine Ausprägung in folgender Reihung vor: Ausdauer, Kraft (laufspezifisch), spezifische Ausdauer (ext. Intervalltraining), wettkampfspezifische, ggf. anaerobe Ausdauer (speed an skills). Der Formaufbau wird mit der Taperphase abgeschlossen.

Dieser Trainingsaufbau folgt vom Unspezifischen zum Spezifischen. So ist in der aeroben Grundlagenphase noch Raum für alternative, extensive Bewegungsformen, wie z.B. dem Bergwandern. Abseits des Basistrainings folgt das Training bei Lydiard in Gestalt eines reinen Lauftrainings.

In modernen Trainingsplänen ist die grundlegende Vorgehensweise längst Standard. Alternativtraining wird dennoch aus vielerlei Gründen auch in spätere Trainingsphasen eingebunden. Ebenso können Grundlagentrainingsblöcke auch noch kurz vor dem Wettkampfhöhepunkt eingestreut werden – um zwei geläufige Varianten zu nennen.

4. “Der Tanz auf der Spitze” und das Prinzip der optimalen Relation von Belastung und Erholung
Lydiard war einer der ersten Trainer, der in der Praxis bemerkt hat, dass sich ein Athlet vor dem Hauptwettkampf, also i.d.R. nach einem intensiven Trainingsabschnitt, richtig erholen muss, um eine annähernd optimale Leistungsausprägung zu erreichen.

Diese Erholungsphase muss im Leistungstraining systematisch und über mehrere Tage bis Wochen erfolgen. 2 Tage Trainingspause oder regeneratives Training reichen da nicht aus. Erfolgt diese Taperphase nicht, bleibt so manche Trainingsmühe unwirksam. Die eigene Leistungsfähigkeit wird schlechter bewertet als sie faktisch ist. Es ist selbstverständlich, dass das Prinzip der optimalen Relation von Belastung und Erholung in jedem Trainingsblock befolgt werden sollte.

Kommentieren

Die Themen auf Laufschritte