Die Mär vom richtigen Trinken beim Sport

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Kaum ist die erste, ernst zu nehmende sommerliche Wetterlage an Leib und Seele spürbar, sind die einschlägigen Sport- und Gesundheitsredaktionen zur Stelle, um gut gemeinte Trinkempfehlungen zu geben. Dass die landläufigen und leider oft gegenseitig abgekupferten Hinweise auf einem brüchigen Fundament stehen, wird aus jüngst veröffentlichten wissenschaftlichen Publikationen deutlich.

Schenkt man der vor kurzem veröffentlichten Untersuchung “The truth about sports drinks”, von BMJ-Redakteurin Deborah Cohen Glauben, dann ist es erschreckend, wenn auch nicht gänzlich überraschend, welchen Einfluss die tiefgreifende Verpflechtung von Wirtschaft, Wissenschaft und Sportverbänden auf die Gestaltung sportmedizinischer Richtlinien und damit auf das Sportlerverhalten hat.

Seit den 70er-Jahren boomt die Sportgetränke-Industrie. Weltweit allen voran die US-amerikanischen Marken Gatorade (PepsiCo), Powerade (Coca Cola) und Lucozade (GSK). Deborah Cohen recherchierte minutiös die Verbindungen der Konzerne zur internationalen Wissenschaft und den einschlägigen Sportverbänden.

Im Verborgenen finanzierten die großen Player wissenschaftliche Studien. Sogar sehr renommierte Leistungsphysiologen und Ernährungswissenschaftler hingen am Tropf der Sportgetränke-Konzerne. Dazu betreiben die Konzerne eigene Forschungsinstitute, die namhafte und seriöse Wissenschaftler in den Reihen haben. Aus marketingstrategischer Sicht sind das kluge Investitionen, denn die zunächst glaubwürdigen Studienergebnisse und neuen Netzwerke zu den Meinungsführern der Sportverbandswelt, führten zur Änderung der Verzehrempfehlungen von Sportgetränken. 

Die Angst vor gesundheitlichen Gefahren oder vor reduzierter Leistungsfähigkeit in Training und Wettkampf sind die Haupttriebfedern jenen Empfehlungen zu folgen – auch wenn das eigene Erfahrungswissen dem widerspricht. Cohen zeigt, dass nur 3 Prozent der weltweiten Sportgetränke-Studien keine Fehlschlüsse, methodische Unschärfen und im Umkehrschluss nur wenige Studien eine gute bis hohe Qualität aufweisen.

So wird die Notwendigkeit der Getränkeaufnahme beim Laufen im Gros überschätzt – in Teilen auch bei unüblichen Wetterbedingungen (z.B. Hitze). So manche Lauffibel und Internetseite empfiehlt beim Laufen die Getränkeaufnahme von 150 ml/15 min, unabhängig von Rahmenbedingungen und der Gesamtbelastungsdauer. Dieser Rat ist für sommerliche, mehrstündige Belastungen vernünftig, für eine moderate 60-minütige Trainingseinheit überzogen. 

Als überholt gilt auch die Daumenregel, dass ein Gewichtsverlust > 2% nach Training oder Wettkampf besorgniserregend sei. Dazu gibt es keine haltbare Studie. Zunehmend zweifelhaft ist auch die Binsenweisheit, dass ausschließlich weißer Urin eine ausreichende Hydrierung induziert. Gehalten hat sich drittens die absatzförderliche Empfehlung die Getränkeaufnahme vor Eintreten des natürlichen Durstgefühls zu beginnen. Letzter Ratschlag führt bei extremer Befolgung zur Kontraindikation, insbesondere beim Verzehr von natriumarmen Wasser.

Ohne Zweifel hat kann die Aufnahme glykose- und mineralhaltiger Getränke, in Langzeitausdauer-Wettkämpfen, eine positive, leistungsförderliche Wirkung entfalten. Das bestätigt die unabhängige Wissenschaft und die Erfahrung. Lediglich das Ausmaß der von den Konzernen geäußerten Empfehlungen, v.a. um ausreichend hydriert zu bleiben, sind zu bezweifeln.

Vor allem dann, wenn sich diese – wie in den USA – sogar auf den Ernährungsstatus von Schulkindern beziehen. Dort geisterten Gerüchte herum, dass Kinder über ein fehlgeleitetes Durstgefühl verfügten und zu wenig trinken. Die zuckerhaltigen Sportgetränke verschaffen Abhilfe und erhöhen sogar die Konzentrationsfähigkeit. Auch bemerkenswert: Gatorades größter Kunden in den USA ist kein Sportclub, sondern das Militär. Auch der Soldat will versorgt sein, mit den “besten Getränken”, die Industrie und Wissenschaft zu bieten hat.

Ich möchte an dieser Stelle noch kein Fazit ziehen oder eine eigene, konkrete Empfehlung zum Sportgetränkeverzehr geben, denn in diesem Beitrag sind noch nicht alle Aspekte hinreichend diskutiert (v.a. die Positionen der Gegenparteien). Mir bleibt die Debatte weiterzuverfolgen, mit Skepsis auf pauschale Trinkempfehlungen zu blicken und gespannt zu sein auf die Auswirkungen des Milliarden-Machtspiels.

3 Kommentare

  • Hallo Patrick,

    dieser Beitrag hat uns so gut gefallen, dass wir ihn in unserem neuesten Post auf http://www.bevegt.de erwähnt haben. Wir haben deinen Blog jetzt auch in unser Linkverzeichnis aufgenommen – ich lese deine gut recherchierten und informativen Artikel immer gerne.

    Vielen Dank dafür und weiter so!

    Viele Grüße
    Daniel

  • Hallo Patrick,

    ein sehr interessanter Bericht – Danke für die Infos.

    Bin immer wieder auf der Suche nach Berichten, die mich in meinem Training und meinem Sportlerdasein ein wenig weiter bringen.

    Da ich sehr viel Ausdauertraining mache und somit oft an der frischen Luft oder im Sommer an der Sonne trainiere ist für mich das Thema Trinken auch ein zentraler Punkt. Aus diesem Grund bin ich auch viel im Netz unterwegs.

    Auf einer meiner Streifzüge bin ich dann auf folgenden Bericht gestossen, den ich Dir nicht vorenthalten möchte.

    http://www.sportiversum.de/bericht/5086-fluessigkeitsbedarf-an-heissen-tagen-beim-sport

    Was hältst du davon?

    Grüße

    Micha

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