Kinesio-Taping: Hokuspokus oder wirksame Physiotherapie?

K

Im Zuge der aktuellen TV-Sportereignisse, wie Fußball- und Leichtathletik-EM, kann man den Eindruck bekommen, dass sich ein neuer Körperkult der Athleten entwickelt hat. Da wären zum einen die auffällig vielen Tätowierungen, die regelrecht ins Auge stechen. Sie sind an verschiedensten Körperstellen zu bewundern und nicht selten von beachtlicher Qualität – insofern ich das beurteilen kann. Das war bekanntlich nicht immer so.

Zudem scheint sich eine weitere “Schmuckform” durchgesetzt zu haben, die bei genauer Betrachtung, gar nicht mehr so neu ist, also eine zweite Welle der Aufmerksamkeit erfährt. Es ist die Rede von den bunten Klebestreifen, die allerorten an den Körpern von Athletinnen und Athleten haften. Sind sie nur “ritueller Schmuck” oder handelt es sich um das sichtbare Ergebnis einer innovativen, physiotherapeutischen Intervention? Die Rede ist vom sog. Kinesio-Taping.

Sachlich ist festzustellen: Die beim Kinesio-Taping verwendeten, oft mehrere Zentimeter breiten Streifen bestehen aus feingewebter Baumwolle und sind mit einem Acrylkleber versehen, der gut und verträglich auf der Haut haftet. Das Material ist atmungsaktiv, hochelastisch (der menschlichen Haut ähnelnd) und über mehrere Tage tragbar. 

Kinseo-Taping wurde vom Japaner Kenso Kaze erfunden und ursprünglich zur Schmerzlinderung bei Muskelerkrankungen angewandt. Die positive Wirkung lässt sich laut Kaze so ableiten: Die Schmerzrezeptoren sind zwischen Oberhaut (Epidermis) und Lederhaut (Dermis) lokalisiert. Durch Aufkleben der elastischen Tapes würde die Oberhaut angehoben, so dass der Blutstrom zu den verletzten Arealen verbessert würde. Der Abtransport entzündungsfördernder Stoffe sei beschleunigt, die Aktivierung der Schmerzrezeptoren reduziert. 

Stichhaltige Studienbelege zum Wirkungsmechanismus existieren bis dato nicht. Dass nach Kinesio-Taping in vielen Fällen Schmerzlinderung auftritt, lässt sich in der Praxis jedoch nicht von der Hand weisen. Und sei es, wenn dem ein Placeboeffekt zugrunde liegt. Bessere Studien hierzu sind angekündigt. In vielen Sportlerkreisen, und damit auch in der Laufszene, ist die Anwendung etabliert. Hier ist in gewisser Weise eine Parallele zum Aufstieg von Kompressionsstrümpfen erkennbar.

Das Anwendungsgebiet des Kinesio-Tapings hat sich bis dato deutlich erweitert: Neben der Schmerzreduktion (auch bei Kopfschmerzen), sind mit den Tapes Zirkulationseinschränkungen (z.B. im Lymphsystem) zu beheben, Verbesserungen der Muskelfunktion (Optimierung von Muskelspannung, Behandlung muskulärer Dysbalancen) und Unterstützung der Gelenkfunktion und Tiefensensibiliät zu erreichen.

Der eingangs geäußerte Gedanke, dass Kineseo-Tapes wie eine Art Schmuck wirkten, finde ich übrigens nicht abwegig. Ich habe den Eindruck, dass die Tapes seitens vieler Sportler sogar gerne, also aktiv gezeigt werden und ein Zeichen von “Stärke” symbolisieren sollen – siehe jüngst den “Italian Stallion” Mario Balotelli. Das ist paradox, wenn doch Kinesio-Tapings ursächlich einen geschwächten, weil schmerzenden Körper zu Linderung verhelfen sollen.

Durch die mannigfaltigen Farbalternativen (Männer bevorzugen wahrscheinlich “agressive” Farben wie schwarz, blau oder rot) fungieren die gesetzten Klebesequenzen als eine Art moderne Kriegsbemalung, insofern das Muster  als “cool” und “gefährlich” wahrgenommen wird.

So mancher Sportler wird sie sich daher proaktiv auf diverse Körperstellen installieren lassen. Mein Rat für die Praxis: Bitte unbedingt dosiert und wohl bedacht im Zusammenspiel mit anderen Ausrüstungselementen, einsetzen: Man stelle sich einen Läufer vor, ummantelt mit Kompressionsstrümpfen, Kensio-Tapings an Oberschenkel, Nacken und Armen, sowie Trinkgurt, Laufmütze und Sonnenbrille. Noch etwas vergessen? Das erinnert dann doch eher an Aliens vs. Predator.

Kommentieren

Die Themen auf Laufschritte