Macht uns das Internet zu schnelleren Läufern?

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Mit dem Jahresende beginnt die Zeit des Jahresrückblicks. In den Medien werden Best-of-Listen, bewegende Geschichten und Zukunftsvisionen dargeboten.

Das möchte ich heute nicht tun. Ich werde die Zeit stattdessen für ein Gedankenspiel verwenden, und mich auf ein inneres Streitgespräch einlassen. Die Frage lautet: “Macht uns das Internet zu schnelleren Läufern?”

Gewiss ist eines: Wir müssen immer noch selbst laufen, um läuferisch schneller zu werden – das ist auch im Internet-Zeitalter eine gültige Aussage. Doch das globale Datennetz bietet Unmengen an Wissen, Nicht-Wissen und Kommunikationsoptionen, die zahlreiche Laufsportler für den trainingsmethodischen Erkenntnisgewinn, zwecks Selbstmotivation und Selbstdarstellung aufsuchen bzw. nutzen.

Auch diese Webseite steht stellvertretend für eine der abertausenden Wissenslieferanten im Online-Lauf-Kosmos. Liegt der inhaltliche Schwerpunkt von “Laufschritte” auf der Darreichung von Trainingstipps, so existieren alternative, kommerzielle wie nicht-kommerzielle Präsenzen mit Erfahrungsberichten, Bilderstrecken, Foren, losen Anekdoten, Ernährungstipps, Kochrezepten, Testberichten u.ä. Kurzum eine Vielfalt, die jeder internetaffine Läufer zunächst als Segen anerkennen wird. Doch machen uns all diese Informationen schneller, wenn man davon ausgehen kann, dass die Leistungsentwicklung Hauptziel ambitionierter Laufsportler ist?

Pro: Das Internet ermöglicht den schnellen Zugriff auf aktuelles Trainingswissen, das zur persönlichen Leistungssteigerung beiträgt

Der immerwährende Zugriff auf ein derart gigantisches Wissensangebot war in rein analogen Zeiten nicht möglich. Mit dem Internet sind neue Trainingserkenntnisse in Sekundenschnelle verfügbar und in den Trainingsprozess einbaubar. Viele Anregungen sind dazu noch kostenlos. Auf Blogs, in Communities und Microblogs wird die Brauchbarkeit umgehend diskutiert und bewertet. Zuverlässiger und schneller agierende Feedback-Kanäle sind kaum denkbar.

Das Internet bricht zudem das Oligopol einschlägig bekannter Experten, die den Buch- und Zeitschriftenmarkt mit originellen, wie auch wenig einfalls- und gehaltreichen Titeln bestimmt haben. Das Netz ermöglicht den Blick über den Tellerrand hinaus. Wir können mitverfolgen, wie Profis trainieren oder erhalten Kenntnis davon, welche Themen im Ausland publik gemacht werden.

Contra: Ja, es steht mehr Trainingswissen zur Verfügung. Doch wer ordnet es ein?

Wer die Wahl hat, hat die Qual. Und ist diese Wahl überhaupt eine Gute? Das regelrechte Rauschen aus trainingsbezogenen Tipps und Meinungen, können nur wenige Empfänger, also Fachkundige und erfahrene Athleten deuten und einordnen. Man mag den Eindruck gewinnen, dass professionell agierende Redaktionen sich neue Themen, unter starken Schmerzen, aus den Rippen schneiden.

Die Auseinandersetzung mit der Informationsvielfalt macht vielen ambitionierten Läufern Freude, kostest aber Zeit. Zeit, die ins Lauftraining hätte investiert werden können – oder andere Tätigkeiten. Noch bedenklicher: Die Informationsflut verkompliziert die Trainingsplanung. Statt eine klare Linie zu verfolgen, werden bedeutungslose Details minutiös in den Trainingsplan eingesetzt, oder Trainingsansätze vermischt, um mit “gutem Gefühl” in eine neue Trainingsphase zu starten.

Trainingstipps sind nur so gut, wie sie in die eigene Trainingssituation nachhaltig und leistungsförderlich eingeordnet werden können. Hierfür bedarf es Experten, also kompetente Trainer, Wissenschaftler und nicht zuletzt echte, mündige Athleten. Das Internet fördert tendenziell das trainingsbezogene Einzelgängertum und hat die Anzahl der “Selbstcoachingversuche” wohl gesteigert. In welchem Ausmaß deren Resultate überzeugen können, ist an dieser Stelle nicht überprüfbar.

Pro: Das Internet ist ein Hort der Selbstmotivation

Auf Twitter hagelt es Trainingsstatistiken, auf Facebook werden die aktuellen Fotos vom erfolgreichen Wettkampf gepostet und in den privaten Blogs werden Trainings- und Wettkampfresultate des letzten Trainingszylkus online gestellt. Selbstredend ist, dass im Querschnitt positive Leistungsentwicklungen in der Mehrzahl geäußert werden.

Als laufaktiver Beobachter all das mitzubekommen, hat mindestes zwei Effekte: Zum einen stellt sich das Gefühl ein, dass die Läuferwelt doch eine recht Große ist – es sind nicht nur die 20 aktiven Vereinskamaraden beim Training, die 800 Teilnehmer beim örtlichen Volkslauf, die sichtbar werden. Das Sichtfeld weitet sich. Eine (mindestens) bundesweit verteilte und selektive Läuferschar bekommt ein Gesicht (oder zumindest ein Avatar).

Zweitens ordnet man sich in jenes Umfeld verhaltens- und leistungsgerichtet ein (“Wo stehe ich?”, “Inwieweit werden meine Präferenzen / Einstellungen geteilt?”.) Da kann es motivierend sein, wenn ein Mitläufer in einer ähnlichen Alters- und/oder Leistungsklasse einen “Sprung nach vorne” gemacht hat oder bei miserablen Wetter eisern trainiert, wenn man das Training ohne jene Information hätte ausfallen lassen.

Das Internet nimmt teilweise die Funktion eines öffentlichen (Trainings-)Tagebuchs ein. Die geteilten Inhalte sind Grundstock für Anerkennung außerhalb der lokalen Gemeinschaft, dokumentieren den Fortschritt und erzeugen ein Gefühl der Selbstverpflichtung (wenn konkrete Zielsetzungen genannt werden).

Contra: Das Internet täuscht über die läuferische Realität hinweg

Eine spannende Frage bleibt, inwieweit die Aktivitäten der “Internetläufer” mit den realen Gegebenheiten korrespondieren. Man kann zunächst den Eindruck gewinnen, dass das Netz übermäßig erfolgreiche Läufer anzieht, denn der Bericht von Erfolgen dominiert den imaginären Nachrichtenstream. Das zu glauben wäre naiv. Erfolge werden selbstverständlich häufiger publik gemacht, als selbstverschuldete Missgriffe (ausgenommen sind schicksalhaft zugezogene Verletzungen und Krankheiten).

Und nicht zuletzt ist anzunehmen, dass den aktiven Nutzern eine vielfache Menge an passiven Nutzern gegenübersteht. Ist letztere Gruppe gar erfolgreicher? Und wie steht es um die Laufenden, die das Internet gar nicht nutzen oder höchsten Volkslaufkalender online einsehen? Wie selbstselektiv ist die Läuferschar im Internet tatsächlich?

Pro: Das Internet erweitert und ermöglicht die Pflege des läuferischen Freundeskreis

Im Zusammenhang mit dem Begriff “Internet” weckt das Wort “Freundschaft” bei so manchem Störgefühle. Abgesehen von der üblichen Elementarkritik an Facebook, Twitter und co., ermöglichen jene Netzwerke, aber auch Blogs und Communities, einen unkomplizierten und offenen Zugang zu Gleichgesinnten.

Die meisten agieren mit dem Klarnamen, zumindest mit einem echten Porträtfoto. Der Umgang ist i.d.R. höflich und vor allem unterstützend, verbindet doch allein die zeitintensive und anstrengende Leidenschaft. Die Unterstützung betrifft motivationale Aspekte, aber auch praktische Informationen im Hinblick auf Laufveranstaltungen, Reisen oder Ausrüstung. In einigen Fällen münden die neuen Kontakte in echte Begegnungen, die bspw. im Rahmen einer großen Laufveranstaltung stattfinden.

Für diejenigen, die heimische Gefilde aus beruflichen oder partnerschaftlichen Gründen verlassen, besteht die komfortable Möglichkeit das Zeitgeschehen in der Heimat zu beobachten oder zu kommentieren – und daraus Kraft zu schöpfen.

Mein Fazit: Drei zu zwei Pro Internet. Nein, so einfach ist das nicht. Erhalten doch die aufgeführten Argumente, je nach Lebenslage und Zielsetzung unterschiedliches Gewicht. Zudem mögen einige Aspekte nicht aufgeführt sein. In den kontemplativen Zeiten zum Jahreswechsel, könnten sich Eure Antworten und Schlussfolgerungen auf diese Frage, für das Jahr 2013 dennoch lohnen: Macht uns das Internet zu schnelleren Läufern?

Liebe Läuferinnen und Läufer, ich danke Euch für die tolle Unterstützung im Jahr 2012. Und wünsche Euch einen schönen Jahreswechsel, sowie ein gutes Jahr 2013!

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