Die erträgliche Leichtigkeit des Seins: Training auf dem Laufband “Alter-G”

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Was war in den vergangenen 20 Jahren die hilfreichste technische Innovation im Laufsport? Barfußschuhe, Kompressionstrümpfe, GPS-Sportuhren, Kohlenhydrat-Gels oder wind- und wasserdichte Textilien?

Bei der Beantwortung dieser Frage scheiden sich die Geister, ist der persönliche Stellenwert jeder dieser Erfindungen doch von den individuellen läuferischen Bedürfnissen bestimmt. Seit zirka 5 Jahren wird eine andere und öffentlich kaum wahrgenommene Innovation im (Hoch-) Leistungs- und Rehabilitationssport geschätzt und erfolgreich eingesetzt: das Alter-G Laufband.

Im englischen Namen des Geräts drückt sich die besondere Funktionalität aus: Auf dem Alter-G lassen sich Trainingseinheiten unter verschiedenen, graduell abstufbaren Schwerkraftbedingungen absolvieren (alter = verändern, G steht für Gravitation). Im Extremfall müssen nur 20 % des eigenen Körpergewichts bewegt werden.

Wie funktioniert das Alter-G technisch? Über der Lauffläche eines gewöhnlichen Laufbandes wird eine Schutzatmosphäre erzeugt, in welcher sich der Laufende wie gewohnt fortbewegt. Eine leichte, knielange Neopren-Laufhose wird mit den oberen Rändern der Laufbandkapsel über eine Art Reißverschluss verbunden. Im geschlossenen Innenraum wird durch die Veränderung des Luftdrucks (Differenzluftdruck) eine noch oben gerichtete Kraft erzeugt. Über das übliche Bedienfeld lässt sich deren Ausprägung steuern, analog zum Einstellvorgang für Geschwindigkeit und Steigung.

Welchen Nutzen hat das Training auf dem Alter-G? Wie eingangs erwähnt, erfreut sich das Gerät in zwei Anwendungsfeldern wachsender Beliebtheit. Im Reha-Sport unterstützt und verkürzt es den Wiedereinstieg in die Geh- oder Laufbewegung nach Verletzungsphase. Durch die reduzierte Einwirkung der Schwerkraft ist der Bremskraftstoß in der Lande- bzw. frühen Stützphase (impact) deutlich abgeschwächt. Die muskulären und passiven Strukturen sind somit früher beanspruchbar und adaptieren nach wirksamer, angemessener Belastung. Dabei kann das laufspezifische Koordinationsmuster abgerufen und zeitgleich die Herz-Kreislaufarbeit aufgenommen werden.

Im (Hoch-) Leistungssport dient das Alter-G Training bspw. der Regeneration. Beim Laufen wirkt keine aktive Regenerationsmaßnahme spezifischer. Als Crosstrainingsmaßnahme lassen mit dem Alter-G die Belastungsumfänge nochmals steigern, ohne Einbußen in den Qualitätseinheiten hinnehmen zu müssen oder das Verletzungsrisiko zu erhöhen. Auch US-Olympia Coach A. Salazar lässt seine Langstreckler regelmäßig auf dem Alter-G trainieren.

Ein Beispiel: Läuft ein Athlet 160 Kilometer pro Woche, so lässt sich das Training erfahrungsgemäß auf 175 bis 180 Kilometer erhöhen (grundsätzlich zwischen 15 und 25 %), wobei nun 130 bis Kilometer auf der Straße / Bahn und die Restlichen auf dem Alter-G zu laufen sind (bei ca. 80-90 % des normalen Körpergewichts). Wichtig: die Maßnahme zielt nicht ausschließlich auf die Erhöhung des Gesamtumfangs.

Die zusätzlichen Laufkilometer können und sollen schneller gelaufen werden. Das schult die neuromuskuläre Koordination (leg turnover) bei zusätzlicher Herz-Kreislaufarbeit und eingedämmter Verletzungsgefahr. Letztere ist ein limitierender Faktor der Leistungsentwicklung, wenn Trainingsumfänge im persönlichen Grenzbereich umgesetzt werden sollen. Im oberen Geschwindigkeitsspektrum können dadurch neue Wettkampfgeschwindigkeiten koordinativ eröffnet werden – positive Effekte auf das Selbstvertrauen nicht ausgeschlossen.

Das Training auf dem Alter-G bleibt zunächst privilegierten Athleten / Einrichtungen vorbehalten. Das liegt nicht zuletzt an den hohen Anschaffungskosten. Ein Gerät kostet zwischen 30.000,- und 75.000,- US $. Vereinzelt ist das Laufband auch schon in deutschen sportmedizinischen Einrichtungen anzufinden. Für die nahe Zukunft erwarte ich zu diesem Thema eine vielschichtigere Studienlage, die die Wirksamkeit des Gerätes in mehrfacher Hinsicht unterstreicht.

So funktioniert das Alter-G (werbliches Video):

Mein Fazit: Das Alter-G ist ein innovatives Trainingsgerät, welches in naher Zukunft zwar der breiten Laufgemeinde nicht zugänglich sein wird, aber dessen außerordentliches Wirkungspotenzial im Reha- und (Hoch-) Leistungssport vielversprechend ist.

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