Zum Höhentraining in den Spessart?!

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Es ist unstreitig, dass die geographische Höhenlage eines Trainings- und Wettkampfortes, Einfluss auf die Leistungsfähigkeit im Ausdauersport ausüben kann. Die Olympischen Spiele in Mexico City (1968) sind bis heute, im Querschnitt der Laufdisziplinen, ein beeindruckender Beleg dafür:

Während in nahezu allen Wettbewerben unter 2 Minuten Dauer Weltrekorde aufgestellt wurden, erzwang die sauerstoffarme Höhenlage von 2.300 Meter über NNbis zu 6 % (Marathonlauf) Leistungseinbußen in den Ausdauerdisziplinen – im Vergleich zu den Referenzleistungen jener Zeit.

Zur Vorbereitung von Spitzenleistungen auf Normalhöhe machen sich bekanntlich leistungssportliche Trainingsgruppen die veränderten, zunächst leistungsmindernden physikalischen Verhältnisse zunutze:

  • die Abnahme von Luftdruck und Sauerstoffpartialdruck (= Sauerstoffanteil am Druck aller im Blut gelösten Gase). Arterieller Sauerstoffpartialdruck und arterielle Sauerstoffsättigung nehmen ab.
  • die Abnahme von Luftwiderstand, Luftfeuchtigkeit und Außentemperatur
  • die Zunahme der UV-Strahlung

Gemeinhin werden Höhentrainingslager in tiefen bis mittleren Höhen (1.600 bis 2.500 m) durchgeführt. Das sind zugleich jene Regionen, in denen man Leistungsrückgänge in den Langzeitausdauer-Disziplinen erwartet.

Zwei medial wenig beachtete Studien aus den Jahren 1996 und 1997, durchgeführt am Australian Institute of Sport in Adelaide, kommen hingegen zum überraschenden Ergebnis, dass schon eine Höhenlage von 580 m über NN zu messbaren Leistungsverschlechterungen führt. Das ist also jener Höhenbereich, in dem zahlreiche deutsche Mittelgebirgsgebiete liegen, zum Beispiel der Geiersberg im Spessart.

Auch verblüffend: Die verschlechterten Leistungsvoraussetzungen und -ergebnisse betreffen  ausschließlich die Gruppe der sehr gut Trainierten (durchschnittliche, initiale relative VO2max Männer > 70 ml/kg/min, Frauen > 60 ml/kg/min).

Die relative VO2max verringerte sich – im Vergleich zu Bedingungen unter NN – um Größenordnungen von 6 % (Männer) bzw. 4 % (Frauen). Genauer genommen ist dies auf eine verschlechterte arterielle Sauerstoffsättigung (< 90 %) zurückzuführen. In einem 5 Minuten Ergometer-Zeitfahren (maximal work test) verschlechterten sich die Ausgangsleistungen um etwa 3,5 bis 4 %. Die gemessenen Standardabweichungen aller Werte sind gering, womit man von einem teilnehmerübergreifenden Effekt ausgehen kann. Die Untersuchungen wurden in einer Höhenkammer durchgeführt.

Warum ausschließlich gut Trainierte von dem Effekt der Leistungsreduktion betroffen sind, bleibt abschließend nicht geklärt. Runner’s World Blogger A. Hutchinson spekuliert, dass bei Trainierten während maximaler Belastungen, der Blutfluss im Lungenkreislauf vergleichsweise sehr (zu) schnell ist. Die Phase der Sauerstoffaufnahme (Sättigung) ist sehr kurz. Schon unter Normalbedingungen sei die arterielle Sauerstoffsättigung mit 92 % gering. Der leichte Höheneffekt verschlechtere die Bedingungen, so dass die Sättigung auf unter 90 % fällt.

Vergegenwärtigen muss man sich dabei allerdings, dass Trainierte über ein größeres Blutvolumen, eine höhere Anzahl roter Blutkörperchen, ein größeres Schlagvolumen und einen leistungsfähigeren Muskelenzymsatz verfügen, so dass trotz geringer relativer Sauerstoffsättigung, absolut weitaus mehr Sauerstoff in den Energiestoffwechsel eingebracht werden kann.

Was bedeutet das nun für die Praxis des Langstreckenlaufs? Erst einmal wenig. Von Interesse ist nämlich, wie sich jene Höhen auf die Leistung bspw. in einem 10 km Rennen auswirken. Womöglich betrifft der Effekt nur Testsituationen mit einer hohen relativen Ausschöpfung der VO2max, so wie es bei einem 5-minütigen Zeitfahren auf dem Rad der Fall ist. Auch die zeitliche Dauer der Testsituation schwächt den Effekt wahrscheinlich. Zumindest ist es mir nicht bekannt, dass bei Volksläufen im Mittelgebirge signifikant schlechtere Leistungen erzielt werden, wenn man ein ähnliches Höhenprofil zugrunde legt.

Außerdem: Wie verhält es sich mit Anpassungseffekten auf 500 Meter Höhe? Es wurde in einer Höhenkammer getestet. Dass sich durch ein regelmäßiges Training auf 500 Meter Höhe positive Leistungseffekte realisieren lassen würden, ist auszuschließen. Hier sprechen Forschung und vor allem die Erfahrung dagegen.

Nichtsdestoweniger sind es gerade diese feinen Beobachtungen, die zum Hinterfragen von unumstößlich angenommenen Trainingsleitsätzen anregen.

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