Welche Übersetzungsfehler sportwissenschaftliche Erkenntnisse zu falschen Glaubenssätzen machen

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Immer wieder bin ich erstaunt darüber, dass Laufmagazine in regelmäßigen Zeitabständen von neuen bahn- bzw. bestzeitenbrechenden Erkenntnissen und Trainingstrends zu berichten wissen. Es scheint als habe der trainingswissenschaftliche Erkenntnisfortschritt und die Redaktionspläne der Magazine eine Zusammenarbeit vereinbart. Synchron macht sich die Sportindustrie die neuesten Entwicklungen zunutze und bringt die passenden Produkte auf einen hungrigen Markt.

Doch beim komplexen Geschehen “sportliche Leistung” dürfte eine gewöhnliche Studie nur einen kleinen Beitrag zur Wahrheitsfindung besteuern. Aus einem Zwischenergebnis – mehr leistet das Gros der Veröffentlichungen nicht – gleich einen neuen Glaubenssatz zu formulieren ist irreführend.

Die dem Medienbetrieb innewohnende Logik des “Liefernmüssens” fordert dargestelltes Verhalten unaufhörlich ein. Dieser Zustand bereitet mir Unbehagen. Nicht zuletzt aus diesem Grund habe ich die Zahl meiner Blogposts reduziert: Ich möchte keine Wissen verkünden, das als Tatsache nicht existent sind. Ich lebe glücklicherweise mit dem Luxus, es aushalten zu können, wenn sich im Themenfeld sprichwörtlich nichts bewegt.

In diesem Zusammenhang bin ich auf einen Blogpost von Ross Tucker gestoßen, der auf 3 Mechanismen hinweist, die beim Zusammenkochen wissenschaftlicher Erkenntnisse zu populärwissenschaftlicher Meldungen rege Anwendung finden:

1. Polarisierung
Dahinter steckt die Denke in “Entweder-oder-Kategorien”. Um mit plakativen Neuigkeiten aufwarten zu können, werden komplexe und erklärungsbedürftige Zusammenhänge ausgeblendet und nicht ansatzweise diskutiert. Ein Artikel darf ja auch nur x-Zeichen lang sein, da bleibt einfach kein Raum für Abwägungen. Ein Beispiel aus der Laufwelt: die jüngst postulierte Überlegenheit von High-Intensity-Intervalltraining gegenüber den klassischen Dauermethoden.

2. Selektion
Bei der Begründung der sensationellen Wirkung eines Nahrungsergänzungsmittels x werden nur jene Studien herangezogen, welche die eigene Sichtweise stützen – und das oft ungeachtet der Studienqualität. Gegenteilig lautende Ergebnisse werden ausgeblendet, wenngleich sie quantitativ und/oder qualitativ überlegen sind. Ein weiteres Beispiel aus der Laufwelt: Der Glaubenskrieg über den Schaden und Nutzen durch kohlenhydratreiche Ernährungsstrategien.

3. Simplifizierung  
Die Vereinfachung von komplexen Sachverhalten ist den Punkten 1 und 2 immanent. Aber auch auf der Ebene von Erklärungszusammenhängen werden allzu oft monokausale aus-A-folgt-B-Sätze formuliert. Ein Beispiel aus der Laufwelt: Warum dominieren ostafrikanische Läufer so viele Langstreckenlauf-Wettbewerbe? Weil sie einen genetischen Vorteil haben!

Läuferseitig entsteht durch das unkritische Folgen jeder noch so bahnbrechender Trainingsempfehlung meist kein großer Schaden. Der Geldbeutel wird vielleicht etwas schmaler, die einseitige Umsetzung von Trainings- und Ernährungsempfehlungen bremst höchstens die Leistungsentwicklung, schlimmstenfalls stellt sich eine Verletzung ein. Dass jeder Läufer eine nicht hinter das Licht zu führende Allwissenheit ausbildet ist blanke Utopie und nicht notwendig.

Dieser Schritt ist eigentlich Aufgabe der oben kritisierten Experten-Redaktionen (!). Sollte man laut die Frage stellen dürfen, ob sie ihre Rolle als Orientierungsgeber ernst nehmen? Oder dürfen sie das gar nicht? Und sind sie überhaupt Experten?

Im Wissenschaftsbetrieb ist der wahrhaftige Umgang mit Erkenntnissen Teil des Arbeitsethos. Auch wenn es im Einzelfall bedeuten mag, eine langjährig aufrecht erhaltene Hypothese fallenlassen zu müssen. Seit jeher befürworte ich die deutlich stärke Anerkennung und Veröffentlichung von Negativergebnissen. Die Praxis spiegelt das Ansinnen noch nicht zufriedenstellend wider.

Mein Fazit: Bleibt kritisch, soweit ihr es könnt. Denn nicht jeder Trend, nicht jede Trainingsempfehlung erzeugt einen messbaren, leistungsförderlichen Effekt. Jeder Tipp ist innerhalb des wirren Gefüges der Leistungsfaktoren zu bewerten und – insofern ein Gedanke plausibel erscheint – zu testen. Das gilt natürlich auch für meine Impulse und Empfehlungen, mediumgemäß nur eingeschränkt Nutzen stiften und zur ganzen Wahrheit beitragen können.

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