Mit der Hannibal Lecter-Technik zur neuen Bestzeit? Über Sinn und Unsinn der Elevation Training Mask

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In den letzten Monaten nehmen immer mehr Fitnessstudio-Besucher verstört und leicht verschreckt zur Kenntnis, in welcher Gestalt so mancher Sportkamarad (ja, es ist ein männliches Phänomen) das Eisen stemmt oder den Ellipsentrainer traktiert. Nämlich maskiert mit einer Beißschutzvorrichtung an der Hannibal Lecter seine wahre Freude hätte.

Der Unterschied ist zweierlei: Erstens besteht sie nicht aus Leder, zweitens soll sie nicht vor Beissangriffen schützen (das kann sie natürlich), sondern die körperliche Leistungsfähigkeit erhöhen. Die Rede ist der sog. „Elevation Training Mask“ (ETM), die Ihren Ursprung im US-amerikanischen Kampf- und Kraftsport hat und mittlerweile weltweit erfolgreich vermarktet wird.

Quelle: http://cdn2.bigcommerce.com/server5400/hroh71l/product_images/uploaded_images/img-science.jpg

Der Hersteller verspricht folgende Effekte:

“You can increase endurance, maximize your oxygen absorption during intensive exercise, improve lung function, lower heart rate for the same load, reduce medication and symptoms, improve quality of life and enhance your ability to recover from injuries and training.”

Die eierlegende Wollmilchsau also. Da wird jeder Ausdauersportler hellhörig, oder? Doch warum wurden bisher keine guten Athleten mit diesem eigenartigen Trainingstool gesichtet? Ästhetische Ablehnung? Reaktionäre Grundhaltung?

Ein Blick auf die Funktionsweise und aktuelle Studienlage könnte einen Hinweis geben: Zunächst verspricht der Name der Maske, dass sie im Stande sei, Höhenbedingungen zu simulieren. Höhentraining kann unbestritten eine Verbesserung der Ausdauerleistungsfähigkeit hervorrufen. Doch die Maske simuliert schlicht keine Höhenbedingungen, die sich durch einen reduzierten Sauerstoffpartialdruck auszeichnet.

Mittels drei unterschiedlich durchlässiger Atmenventile wird bei der Elevation Mask lediglich die Zuführung der gewöhnlichen Atemluft eingeschränkt (und damit die O2-Menge pro Zeiteinheit). Die Konstruktion hat zurfolge, dass CO2 in hohem Maße wiedereingeatmet wird. Die dadurch ausgelöste physiologische Reaktion unterscheidet sich von jener unter echten Hypoxiebedingungen.

Ebenso sprechen die empfohlenen Trainingseinheiten (und die damit verbundene Reizdauer) gegen einen klassischen Hypoxieeffekt. Sie bestehen aus kurzen hochintensiven Belastungen (high intensity interval training) mit kurzen Belastungspausen und übersteigen eine Gesamtdauer von 30 Minuten nicht. Hypoxiereize wirken hingegen bei dauerhafter Anwendung über einen Zeitraum von mindestens 14 eher 21 Tagen. Hierbei setzt sich in der Sportpraxis zunehmend durch, dass intensive Einheiten unter Normalbedingungen, die rein aeroben Trainingseinheiten und der Alltag in Höhenlagen (> 1.800 m N.N., < 2.500 m N.N.) stattfinden (live high, train low).

Dass u.U. die Ökonomie der Lungenfunktion verbessert wird (Sauerstoffbedarf des Zwerchfells), lässt keinesfalls den Schluß zu, dass sich damit die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) verbessern ließe. Die Atemfunktion ist nicht das limitierende Element für ihre Entwicklung. Die Lungen-Diffusionskapazität für O2 ist größer als die erreichbare VO2max. Hierbei ist entscheidend, wie viel Sauerstoff vom Blut aufgenommen und in den Muskelzellen verwertet werden kann.

Auch die vom Hersteller ausgewiesene wissenschaftliche Hauptstudie gibt Anlass an der sportlichen Wirkung zu zweifeln:

  1. Sie wurde nicht im Sportkontext durchgeführt. Intention war es mit der ETM ein für Feuerwehrleute alternatives Trainingsmittel zum „self contained breathing apparatus“ (SCBA) zu etablieren, das die Leistungsfähigkeit im „maskierten Einsatz“ verbessert. Der SCBA ist eine Atemschutzmaske wie sie bei Feuerwehreinsätzen getragen wird.
  2. Das undurchdachte Studiendesign lässt die entschiedenen Fragen unbeantwortet zurück. Das Trainingsregime wurde von den Probanden ausschließlich mit der ETM absolviert. Es existierte weder eine Kontrollgruppe ohne Training, noch eine Gruppe, welche die gleichen Einheiten ohne Maske durchführte (oder mit dem SCBA). Dass eine Leistungsverbesserung unter ETM-Bedingungen stattfand überrascht niemanden.

Was bleibt also zurück? Ist die ETM nur eine gut vermarktete Luftnummer oder gibt es begründete Hoffnung dafür, dass sich andere leistungsförderliche Effekte einstellen, z.B. im Bereich Krafttraining?

Was den Ausdauersport betrifft, bin ich mir sicher, dass sie keinerlei positiven, physiologischen Effekte hervorruft. Höchstens kann sie eine Beitrag für die Verbesserung der psychologisch-mentalen Fähigkeiten beisteuern, indem kurze, intensive Belastungen unter eingeschränkter Luftverfügbarkeit umgesetzt werden. Eine solche Situation simuliert am ehesten die Anforderungen im Kampfsport, wo kurze hochintensive, intermittierende Belastungen (ggf. bei Atemluftknappheit nach einen Treffer) durchzustehen sind. Im Bereich Kraftsport sind ebenso keine positiven Effekte auf Hypertrophie oder neuromuskuläre Koordination zu erwarten, zumindest wenn ich meinen aktuellen Wissensstand anlege. 

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